Verfasst von: janinadh Am: August 27, 2009
Der erste deutsche Fußgängertunnel lädt Bielefelder ein
Es ist ruhig. Die gleichmäßigen Bewegungen der Rolltreppen, die jeweils links und rechts von mir liegen, haben eine geradezu entspannende Wirkung. Den 24 Stufen hinunter folgend, scheint die Geräuschkulisse der Bahnhofstraße sich immer weiter zu distanzieren. Doch nur für einen Moment. „Ja, ich bin gleich da!“, höre ich einen Mann sagen, dessen Handelsblatt unordentlich gefaltet aus der dunklen halbgeöffneten Aktentasche lugt. Schnellen Schrittes eilt er die Stufen hinauf. Am unteren Ende der Treppe angekommen, führt mich mein Weg durch eine der vier großen Glastüren – hinein in den Jahnplatztunnel.
Freigabe war ein nationales Ereignis
Der unterirdische Fußgängertunnel wurde im Jahr 1957, nach einer einjährigen Bauphase, deren Kosten sich ungefähr auf 3,7 Millionen Mark beliefen, für Besucher freigegeben. Die Planungen für das Bauprojekt stammen von dem Gutachter und Verkehrsexperten Max–Erich Feuchtinger. Die Freigabe des ersten deutschen unterirdischen Fußgängertunnels in Bielefeld war ein großes Ereignis – nicht nur für Ortsansässige. So berichtete die Tagesschau abends über die Eröffnung des Jahnplatztunnels und über die Menschenmengen, welche sich an den überirdischen Eingängen drängelten.
Heute wird im Inneren der Unterführung das mangelnde Tageslicht durch weiß leuchtende Neonröhren ersetzt, die an der etwa zweieinhalb Meter hohen Decke und an den zahlreich vorhandenen Säulen angebracht sind. Die beigefarbenen Wände zaubern eine nahezu gemütliche Atmosphäre. Aus dem Geschäft eines Friseurs, direkt neben der linken Eingangstür dröhnt schrille Techno – Musik, deren Lautstärke sich mit jedem Takt zu steigern scheint. Mit einem flüchtigen Blick durch die gläserne Wandfront sehe ich eine Frau wartend auf einem schwarzen Drehstuhl sitzen. In der Nase vermischt sich der süßliche Duft von Haar – Pflegemitteln mit dem der frisch gebackenen Brötchen des angrenzenden Bäckers.
72 Bielefelder stifteten Jahnbüste
Auf der gegenüberliegenden Seite des Tunnels steht an der Säule, nahe dem Ausgang zur Alfred – Bozi – Straße, die Jahnbüste. Diese soll an Turnvater Jahn, dessen Namen der Platz über dem Tunnel seit 1861 trägt, erinnern. Nachdem ein ehemaliges Denkmal aus dem Jahr 1883 während des zweiten Weltkrieges entfernt und später zerstört wurde, ziert die von 72 Bielefeldern gestiftete Jahnbüste seit 1994 die Passage des Forums Jahnplatz.
In unmittelbarer Nähe ist ein Mann damit beschäftigt, ein großes dunkles Plakat an einer Säule anzubringen. Obwohl es zu vermuten wäre, handelt es sich hierbei aber nicht um Werbung der naheliegenden Konzert – und Theaterkasse KonTicket. Vielmehr kündigt das Plakat das bald bevorstehende Mitternachtshopping in Bielefeld an. Ab und zu bleibt jemand davor stehen. Doch die Mehrzahl der Passanten wirft aus zeitlichen Gründen nur flüchtig einen Blick auf den Aushang.
Täglich 30.000 Passanten im Forum Jahnplatz
Den rechteckigen rot und schwarz gesprenkelten Fliesen entlang schlendernd, führt der Weg an einigen Geschäften vorbei. Ein Kiosk, ein Modegeschäft, die Frucht – Oase, zahlreiche Imbissstände. Etwa 30 Läden finden Platz im Forum Jahnplatz, wie der frühere Jahnplatztunnel, seit der Umbenennung im Zuge einer Renovierung im Jahr 1991, heißt. Etwa 98 Prozent der Bielefelder kennen den Jahnplatztunnel, circa 30.000 von ihnen passieren täglich die Unterführung. Einige der Besucher hasten zur Straßenbahn oder zum nächsten Ausgang, während andere in aller Ruhe an den Geschäften entlang flanieren.
Der runde stand der Frucht – Oase am Ausgang zur Niedernstraße ist nicht zu übersehen. Das Aroma des frischen Obstes wird eins mit dem Duft von chinesischen Nudeln und Hühnersuppe, welcher auf die naheliegenden Imbissbuden hinweist. Eine Kindergartengruppe marschiert mit zwei Erzieherinnen am Stand vorbei in Richtung der Straßenbahn. Das Lachen und Gemurmel der Kleinen übertönt für einen kurzen Moment die Geräusche des restlichen Geschehens im Tunnel. Als die Kinder hinter der Tür zur S – Bahn – Station verschwinden, ist hauptsächlich die mäßig laute Musik eines Modegeschäfts zu vernehmen. Auch klappern in der Nähe viele Teller und Kochtöpfe in den diversen Imbissständen.
An einem Donut – Stand drängeln sich vier 12 – Jährige und diskutieren ihren Einkauf. Einer der Jungen hat sich seinen Pullover lässig um die Hüften gebunden. „Du kannst mir die 30 Cent morgen wiedergeben“. Und wenig später verlassen sie das Forum Jahnplatz. Auch ich gehe durch den Ausgang an der Niedernstraße. Auf der Treppe ist es wieder sehr leise. Bis eine Gruppe Jugendlicher lauthals hinunter eilt. Als die Gruppe den Tunnel betritt und sich meinem Blickfeld entzieht bin ich schon fast am oberen Ende der Rolltreppe angelangt.
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