Verfasst von: janinadh Am: August 25, 2009
Es ist schon wieder soweit. Jedes Jahr, um diese Zeit, kündigt sich der Besuch des Herrn Frühling an. Das kann ganz unterschiedliche Gefühle wecken. Meine Mama ist in diesen Tagen sehr aufgeregt. Wischer und Staubwedel fest in der Hand, eilt sie gehetzt und ruhelos im Haus hin und her, auf der Suche nach dem letzten, noch verbliebenen, Staubkorn. Alle Fenster sind blitzblank. Die kopflosen Nikoläuse, Überbleibsel des letzten Weihnachtsfestes, werden lieblos des Hauses verwiesen. Und warum? Für den Herrn Frühling müsse alles immer außerordentlich sauber und ansehnlich sein, sagt die Mama. Und schließlich wisse man ja auch nie, wann er kommt.
Gelegentlich überrascht er uns bereits in den Ostervorbereitungen, aber vorwiegend ist der Lenz unpünktlich und lässt wochenlang auf sich warten. Steht er dann doch vor der Tür, bringt er uns vermeintlich schönes Wetter, bunte Blumen und blühende Bäumchen mit. Während ich mich an den Pflanzen erfreue, scheint mein Bruder jene gar nicht zu mögen. Ihr Anblick treibt ihm jedes Mal die Tränen in die Augen. Bis heute frage ich mich, ob sein ständiges Niesen und Schniefen auch Ausdruck seiner Ablehnung sind.
Unterdessen klagt die Oma über enorme Kopfschmerzen. Und während sie davon jammert, schläft sie Ab und An unerwartet in ihrem Schaukelstuhl ein. Oma ist zurzeit sehr von der Müdigkeit geplagt. Das soll an der Gegenwart des Frühlings liegen.
Seltsam finde ich ebenso, dass unserem Auto jetzt eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu Teil wird. Kaum lässt sich Herr Frühling blicken, putzt und schrubbt Papa bald Felgen und Scheiben, wie besessen. Dieser sonderbare, gelbe Staub, der sich überall festsetzen möchte, löst in ihm ungeheure Aggressionen aus. Daran soll auch der Lenz Schuld haben.
Dann frage ich mich doch: Warum beehrt uns der ungebetene Gast jedes Jahr aufs Neue?
Zudem muss ich auch gestehen, dass ich das launische, unberechenbare Verhalten des Frühlings nicht sympathisch finde. Hat er doch die Aufgabe, uns warmes, sonniges Wetter zu bestellen, enttäuscht er uns dennoch mehrfach mit Regen und Sturm.
Der Herr Frühling ist schon eigenartig. Bei seiner Anwesenheit scheinen alle Verwandten wie ausgewechselt zu sein. Das missfällt mir sehr. Und wenn ich es mir so recht überlege, soll der Herr Frühling uns nächstes Jahr lieber nicht mehr besuchen.
Erstellt in Zusammenarbeit mit Franziska Stäcker
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